Ok Leute, also das war echt bisher eine der vielfältigsten Stationen und interessantesten Erfahrungen.
Da uns diverse Leute und auch meine Erinnerung an einen lange vergangenen Rainbow-Tours-Urlaub vor der Costa Brava gewarnt haben, wollten wir den nächsten Zwischenstopp auf dem Weg nach Tarifa lieber in die Berge verlegen. Spanien hat eine Menge Naturparks, und da die Ostküste vor Hässlichkeit strotzt, wollten wir lieber die Naturparks mitnehmen.
Man kommt auf der Fahrt natürlich nicht umher, die Städte mit ihren hässlichen Bausünden-Hotels aus der Ferne zu sehen. Also blickt man eher nach rechts in die Berge.

Unser Ziel war eine Fischzucht – AiguaNatura dels Ports – in der Nähe des kleinen Örtchens Alfara del Carles, zwischen Barcelona und Valencia im Naturpark Parc Natural dels Ports.
Gefunden hatte ich die Station in der App Park4Night, sonst wären wir nie darauf gekommen. Bei Google findet man nur ihre Fischzucht mitsamt Website, aber kein Wort über die Camping-Möglichkeit.

Wir kamen von der hässlichen Küste in die Berge, bogen ab auf einen einfachen Weg und standen dann irgendwann vor einem Schild und einem einfachen Metalltor. Zum Glück parkte dort gerade ein Busfahrer, der eine Schulklasse aus Barcelona für einen Tag hierher gebracht hatte. Er Sprach Deutsch, da er jahrelang die Tour Barcelona – Hamburg gefahren ist .. lustiger Zufall. Über den St. Pauli Aufkleber am Bulli freute er sich auch. Er erklärte uns, wir sollten einfach durch das Tor fahren und schloss es netterweise hinter uns wieder.
Anna, die Besitzerin der Fischzucht, war mit der Schulklasse beschäftigt und sagte uns auf Spanisch-Englisch, wir sollten uns einfach einen Platz suchen, sie würde uns später herumführen.

Gesagt, getan. Wir fuhren einen Weg an den großen Fischbecken vorbei. Ein Stück weiter parkte schon ein großes Wohnmobil, sonst war niemand hier. Herrlich. Und der Blick war mal wieder atemberaubend. In einer Videokonferenz, bei der ich frecherweise den Hintergrund nicht verändert hatte, glaubte mir zuerst niemand, dass der Hintergrund echt wäre. Bis Olaf dann durchs Bild lief.
Wir suchten uns den Platz, der tagsüber und auch Abends noch Sonne hatte (wir ahnten nicht, dass wir bald bei 30 Grad hier eingehen würden) und bauten das Camp auf. Gina freute sich über viel freien Auslauf, und dann kam „die Truppe“..
Nein, keine doofen Camper, sondern die freilaufenden Schafe, ein Pony und ein Pferd. Die Schimmelstute war von den Schafen anscheinend auch anhand der Fellfarbe zum Schaf-Chef auserkoren, und so rannten die sechs Schafe immer wie magnetisch hinter dem Pferdchen hinterher. Zu Ginas Freude schienen die Schafe auch genau zu wissen, was so ein Hütehund Jobtechnisch tut.. und so musste ich Gina erstmal eine halbe Stunde davon abhalten, die Schafe zu hüten, bis sie sich endlich beruhigt hatte.

Da wir unter der Woche unterwegs waren, mussten wir erst einmal ein bisschen Arbeit nachholen. Nachdem die Schulklasse lärmend das Gelände verlassen hatte, zeigte Anna uns noch kurz Toilette und Dusche (sehr einfach gehalten und es roch leider ziemlich nach Katzenpipi) und schenkte uns abends gleich eine Forelle für Gina. Die Schulklasse hatte ein paar Forellen geangelt aber wohl nicht alle mitnehmen wollen. So bekam Gina zu ihrer großen Freude eine leckeres ungeplantes Abendessen – frecherweise hing sie schon mit dem Maul an der Schwanzflosse der Forelle, während ich sie noch in der Hand hielt zum Ausnehmen.. Gina war damit auch gleich für weitere 2 Tage versorgt.
Und der Fuchs, der hier auf dem Gelände wohnte, erhielt von Anna ebenfalls einen leckeren Snack. Den er sich auch gleich abholte, während wir noch dort standen und in einem Sprachen-Mischmasch mit Anna quatschten. Da lief er einfach so auf uns zu und in einem Meter Abstand ohne Scheu an uns und Gina vorbei. Er wusste wohl schon, dass sein Abendbrot bereit stand. Gina wollte natürlich sofort hinter ihm her… zum Glück war sie angeleint.

Im Supermarkt in Frankreich hatten wir uns noch schnell so ein super leckeres fertiges, frisches Gericht besorgt (Lachs-Auflauf mit Kartoffeln), auf das wir uns dann echt freuten. Aber die netten Franzosen mit dem anderen Camper, mit denen wir schon mehrmals seit unserer Ankunft geschnackt hatten, kamen mit einer Pulle Wein vorbei uns luden uns in ihr Luxus-WoMo ein. Das war auch nicht schlecht, und tatsächlich das erste Mal, seit wir unterwegs sind, dass wir mit anderen Campern zusammensitzen und etwas trinken!
Die beiden hatten auch eine Australien-Shepherd-Hündin dabei – Shoop, ein Jahr alt und natürlich entsprechend verspielt. Was Gina nicht so interessierte. Gina musste sie nur immer anmeckern, egal was sie tat. Erst nach zwei Tagen ließ Gina sich auf ein Spiel mit Shoop ein..

Später am Abend machte Olaf noch fix mit unserer neusten Errungenschaft – einem elektrischen Ceran-Kochfeld – den leckeren Auflauf im Topf warm. Seit der Explosion in A-Town haben wir eine recht gestörte Beziehung zu Gaskartuschen. Die im Bulli ist ok, aber sonst wollen wir keine mehr um uns herum haben. Also haben wir uns für das elektrische Ding entschieden, damit wir allen Stinkekram weiterhin draußen kochen können, ohne den Bulli für immer einzufetten und einzuräuchern.

Am nächsten Tag war natürlich erstmal die Arbeit dran. Nachts wars recht kalt und die für den Tag angesagte Sonne ließ uns irgendwie im Stich. Aber egal, wir wollten dringend wandern gehen. Die Franzosen hatten uns eine Route empfohlen, die direkt von hier zu laufen war. Und wow, was für eine tolle Tour war das! Erst vorbei an einer verfallenen Papierfabrik (La fàbrica de Pallarès) und einem verfallenen Kloster (Ermita de Santa Llúcia) aus dem 17. Jahrhundert, wenn ich den Text richtig verstehe – selbst Google Translate hat etwas Probleme damit.

Überall – besonders natürlich auch auf der Fischfarm – laufen Levadas mit frischem Quellwasser entlang. Dafür ist der Flusslauf, den wir ein Stück weiter unten im Tal bei der Wanderung treffen, trocken und leer.. ob sie die Quelle so stark umgeleitet haben, oder ob der Fluss aus einer anderen Richtung Wasser bekommen sollte und auch hier der Schnee diesen Winter ausgeblieben ist? Vermutlich letzteres..

Nach einem schönen Weg durch das Tal und dem ständigen Blick auf die Berge um uns herum gehts bergauf zu einer Ruine aus dem 12. Jahrhundert – El castell islamic de Carles.
Die Lage war strategisch damals perfekt – da die Burg – wie wir hier lesen – in einem ehemaligen Vulkan gebaut ist, so dass eigentlich nur aus einer Richtung Angreifer zu erwarten waren. Der Vulkan schweigt seit 225 Millionen Jahren. Über diese riesige Zahl muss Olaf sich erstmal den Kopf zerbrechen. Zurecht. Überlegt mal. 225 Millionen Jahre. Aus Spaß, beziehungsweise um es sich wirklich mal vorstellen zu können, rechnet Olaf das in Entfernungen um.
Entfernung von uns bis Hamburg: ca. 2000km. Das ist die Dauer, die die Erde existiert: 4 Milliarden Jahre.
Dann sind 100km = 200 Millionen Jahre – also die Strecke von Hamburg nach Bremen. So lange ist es her, dass der Vulkan aktiv war.
1km sind 2 Millionen Jahre, 1 Meter sind 2000 Jahre. 1cm sind 20 Jahre. Ein Menschenleben sind 4cm…
Man, sind wir unbedeutend. Hoffentlich hat die Erde bald wieder ihre Ruhe von uns idiotischem Volk 🤪

Am Abend kommt die Stute nochmal an unserem Platz vorbei – sie scheint es gewohnt zu sein, dass die Camper ihr etwas zu Fressen abgeben. Nope Süße, nicht bei uns. Ich kenn euch Kollegen viel zu gut, ihr werdet so unendlich penetrant, wenn man erstmal damit anfängt.
Die Stute spricht eine ziemlich klare (Körper-)Sprache und als ich sie wegscheuche (bevor sie sich das Maul am Kochfeld verbrennt), dreht sie mir (ich habe es kommen sehen, ihr Blick war eindeutig) den Hintern zu und tritt hübsch hoch aus. Nix – ich verscheuche sie nochmal und sie trottet ein paar Meter weiter, natürlich nicht, ohne nochmal nach mir zu treten. Olle Zippe.
Am nächsten Tag wollen wir nach getaner Arbeit den Berg südlich von uns erkunden und – wenn möglich – über die Kuppe hinweg ins nächste Tal schauen. Wir machen Fahrräder und Wauwi-Hänger bereit, um nicht alles laufen zu müssen. Es gibt einen Wander-Parkplatz, wo wir ungefähr starten wollen.

Dummerweise geht es bis dorthin fast nur bergauf und Olafs E-Bike stöhnt unter Ginas Gewicht im Anhänger. Am Ende ist nur noch ein Punkt Akkuleistung übrig.. gerade so geschafft..
Die Räder werden angeschlossen und los gehts. Leider wieder ohne Wanderstöcke.. wir sind auch echt vergesslich.
Der Weg geht ordentlich steil bergauf, durch Macchie.. dummerweise haben wir kurze Hosen an und zerkratzen uns von Anfang an die Beine an dem Stachelkram.
Irgendwann kommen wir auf einen breiteren Weg, der einen tollen Blick nach oben bietet – endlich ist das Macchie-Gestrüpp mal über uns weg und wir sehen die schroffen Felsen, die so perfekt für Adler und Geier sind. Und natürlich kreisen dort oben auch ein paar von ihnen.. sind es Geier?
Wir folgen dem Pfad weiter, er wird immer schmaler und immer stacheliger… boarrr.. meine Beine.. aber die Felsen sind total interessant, es sieht teilweise aus wie von Menschen gemacht, aber es sind doch nur natürliche Felswände, die da über einem aufragen. Und dann sind wir oben – an der Bergkuppe – und schauen tatsächlich rüber ins nächste Tal. Dort sieht man außer Macchie nur ein Haus – ansonsten scheint alles der Natur zu gehören. Irgendwo dort unten soll ein hübscher kleiner See, gespeist von einer Quelle, sein – El Toll Blau – aber das ist definitiv zu weit heute für uns. Wir hocken uns auf ein paar Steinplateaus, die wie Sitze geformt sind, und blicken runter in unser Tal. Krasser Blick. Wahnsinn.
Dann laufen wir wieder zurück – diesmal den breiteren, weniger stacheligen Weg – denn die restlichen 7km unserer geplanten Wanderung scheinen komplett durch stachelige Macchie zu führen und ich bin schon ziemlich erledigt – und meine Beine zerkratzt.

Was für eine schöne Wanderung! Olaf fährt noch in den Nachbarort und will etwas fürs Abendessen besorgen. Der kleine Tante-Emma-Laden im Dorf hat allerdings nicht viel zu bieten und so gibts Abendessen á la Pipi Langstrumpf – Nudeln mit Wurst und Ketchup 😂 (oder Pesto) – aber dazu wenigstens schön kühles Estrella-Bier.

Schon am vorigen Tag sind unsere netten Franzosen abgereist und dafür holländische Franzosen (sie sind vor 20 Jahren von Holland nach Frankreich ausgewandert) angekommen. Auch die beiden sind super nett und wir unterhalten uns zwischendurch viel mit ihnen. Gerret hilft der Fischfarm-Besitzerin Anna beim Fischbecken-reinigen und sie erzählt ihm im wilden Sprach-Mischmasch und mit Hilfe von Google Translate, dass das Wasser zu warm ist und der Schnee ausbleibt. Forellen brauchen kühles Wasser und im Endeffekt scheint ihre ganze Existenz ziemlich durch den Klimawandel bedroht zu sein..

An unserem letzten Tag vor Ort haben sich Gerret, Anna und Olaf verabredet, das andere Fischbecken zu reinigen, aus dem Anna das Wasser hat ablaufen lassen. Während Olaf im Schlamm schwitzt, schwitze ich über der Arbeit und das Thermometer klettert langsam auf 30 Grad hoch.. boah ist das heiß.. vor allem, wenn man vor einer Woche noch fünf Grad und Nebel hatte..
Unsere geplante Radtour mit Wanderung für diesen letzten Tag sagen wir lieber ab, es ist einfach zu heiß. Stattdessen hocken wir uns in den Schatten, trinken ein kühles Bierchen, schauen uns den Rest der Fischfarm an, unterhalten uns mit den Holländern und bezahlen bei Anna die niedlichen 80 EUR für 4 Nächte auf ihrer Farm. Zum Abschied bekommen wir von ihr noch eine Forelle geschenkt – was sehr praktisch ist, denn wir wären sonst kurz darauf mit den Fahrrädern in Richtung Dorf aufgebrochen, um in einem Restaurant hoffentlich etwas zu Essen zu bekommen.
Olaf war etwas skeptisch mit der Forelle – er mag keine Tiere essen, die er gerade noch in Ganz gesehen hatte.. Gerret half mir, die Forelle auszunehmen. Bei Chefkoch.de suchte ich nach einem Rezept, Rosmarin und auch Thymian wuchsen hier eh überall wild in der Natur in Massen und Salz, Pfeffer, Butter und Öl hatten wir dabei. Also bereitete ich auf unserer tollen Elektrokochplatte meine erste Forelle aus der Pfanne zu… und sie war SOOOO LECKER. Olaf verlor auch schnell seine Skepsis und Gina bekam natürlich auch etwas vom (noch rohen) Fisch vorher ab.

Mitten in der Nacht wachten wir dann alle auf, weil es plötzlich draußen total windig wurde. Olaf und ich retteten fix die Markise, die Stühle (einer war schon weggeweht), ich sammelte alle verstreuten Dinge wieder ein.. der Wind wurde immer stärker und hielt uns auch im Bulli noch lange wach. Da Olaf oben im Dachbett schläft, hatten wir wohl beide Sorge, dass der Sturm zu stark wurde und da oben etwas kaputt machen könnte.

Am Morgen war der Sturm noch stärker – ob der Wind von den Vulkanwänden abprallte und sich immer mehr verstärkte? Er kam jedenfalls aus allen Richtungen und war definitiv stärker als die in der Windy-App genannten 35km/h.
Wir bauten alles ab, frischer Kaffee für die Fahrt wurde gekocht und das Zelt noch schnell vor der totalen Zerstörung durch den Wind abgebaut… und los ging es.. auf zur nächsten Station… in die Berge nördlich von Cordoba..
Uns erwarten dort für zwei Tage leckere 29 Grad und danach kommt wohl ein riesiges Sturmtief mit Gewitter, 10 Grad weniger und einer Menge Regen.. Mal sehen, wie wir da so durchkommen.

Vielleicht auch was für dich..

+ There are no comments

Add yours